Wie stark ist Kannibalismus bei Hechten ausgeprägt und bringen Köder als Hechtimitat wirklich was?

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Bewegst du den Futterneidköder bewegen sich die Fransen und simulieren eine größere Beute.
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Leiten wir die Beantwortung dieser Frage mit einer Gegenfrage ein. 

Wieso sollte es einen Unterschied geben, ob und vor allem wann für Hechte andere Hechte als Beute in Frage kommen? 

Klar ist und uns allen bekannt, dass Kannibalismus unter Hechten quasi Standard ist. Jeder kennt die Fotos von gierigen Hechten, die an ihren halb einverleibten Artgenossen fast ersticken. Aus diesem Grund sind Hechtimitate als Köder immer eine Bank. Doch ist es wirklich so einfach?

Doch viel häufiger ist der Grund, dass Hechte andere Hechte angreifen nicht Kannibalismus, sondern Futterneid. Also ganz platt gesagt, wenn Hechte anderen Hechten die Beute abluchsen wollen. Hier in diesem Artikel bleiben wir aber beim Kannibalismus.

Zum Futterneid geht es hier entlang …

Das Fressverhalten und die Beute der Hechte sind gut erforscht, auch wenn das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist. Lassen wir uns ein wenig von der Wissenschaft unter die Arme greifen und herausfinden, ob es sich lohnt auf Hechtköder zu setzen.Liegt 

Liegt der Kannibalismus allen Hechten in den Genen?

Auf jeden Fall. Sobald die nur wenige Zentimeter großen Minihechte auf Fische als Nahrung umsteigen, fallen den stärksten Hechte oft etliche Artgenossen zum Opfer. Zum einen geht es um den Platz Beute zu machen und zum anderen um Nährstoffe.

Das ist auch schon das Stichwort, denn wenn die kleinen Hechte schlüpfen sind viele Friedfische wie Rotaugen, Barsche oder Brassen oft noch ein paar Wochen vom Laichen entfernt. Den kleinen Hechte kann es je nach Saison oder Gewässerabschnitt an Nahrung fehlen. Im Ergebnis stellen Artgenossen also eine natürliche Beute für Hechte dar.

Merke  Halten wir also als ersten Punkt fest, dass der Kannibalismus unter Hechten stärker ausgeprägt ist, wenn die Beute knapp ist.

Wann kann es zu Beutemangel und damit zum Kannibalismus kommen?

Beutemangel kann verschiedene Auslöser haben. Zum einen kann eine Krankheit viele Fische dahinraffen. Vor allem kleine abgeschiedene Gewässer können hiervon betroffen sein. Ein weiterer und gerade in dieser Zeit gravierender Auslöser für Beutemangel sind die hohen Wassertemperaturen und der damit verbundene Sauerstoffmangel im Wasser.

Viele Fische können diesen Sauerstoffmangel nicht lange aushalten und verenden. Gerade wenn es zum Ende des Frühjahrs schon sehr heiß ist, kann ein Sauerstoffmangeln verheerende Auswirkungen haben indem z.B. Das erfolgreiche Laichen gestört wird. Nicht nur das dadurch Fischbrut als Nahrungsgrundlage im Herbst fehlt. Nein, auch stehen dann im nächsten Jahr viel weniger erwachsene Fische zur Fortpflanzung zur Verfügung.

Eiskalte Winter, Eisdecken und Schnee sind ein weiterer Auslöser für Fischsterben. Der sogenannte Winterkill kann einen ganzen See auf nur noch wenige Fische reduzieren. Schnee auf einer Eisdecke blockt das Sonnenlicht ab. Auch kommt es zu keinem Sauerstoffaustausch zwischen Wasseroberfläche und der Luft. Fische und alle Lebewesen müssen mit dem Sauerstoff im Wasser klarkommen, der vorhanden ist. 

Je nachdem wie hartnäckig sich die Eis- und Schneedecke hält, kommt es stellenweise schon nach wenigen Tagen zum Fischsterben. Hechte überleben einen Sauerstoffmangel sehr gut. Aber viele Friedfische nicht. Zuerst sterben die großen Fische, die dann im Frühjahr beim Laichen fehlen.

Merke   Wenn Beute fehlt, werden Hechte zum Kannibalen. Gefressen werden muss ja, oder?

Welche Unterschiede gibt es beim Kannibalismus unter Hechten in einzelnen Gewässern?

Oh es gibt so viele Unterschiede. Nun sollte man das weniger an den Fangvideos festmachen, die Hechte mit Hechten im Maul zeigen. Denn diese sind nur Momentaufnahmen und lassen keinen Rückschluss auf die Hechtpopulation zu.

Anmerkung der Redaktion: Auch müssen wir Angler uns folgendes vor Augen führen: Nur weil uns jemand ein Fangfoto von einem Hecht mit einem super sexy blauen Köder im Maul gezeigt hat, heißt dass nicht, dass alle Hechte in diesem Gewässer auf diesen Köder abfahren. Wer kennt sie nicht die Fragen aller Fragen: “Hey, mit welcher Farbe hast du den gefangen?” …

Aber nun zurück zum Thema – Unterschiede beim Kannibalismus in unterschiedlichen Gewässern. Lassen wir hier doch mal ein paar Studien mit hunderte und sogar tausenden Hechte sprechen.

Im “Greifswalder Bodden” wurden Werte von Hechten als Beute für andere Hechte von ca. 10% gemessen (Wissenschaftler extrahierten die Mägen etlicher Hechte). 

Aber: andere Studien haben ganz andere Resultate hervorgebracht. 

So wurden im See „Windemere“ (GB) von 2.783 Hechten (Länge 20 cm – 105 cm) der Mageninhalt überprüft und nur in 33 Mägen wurde Reste von anderen Hechten gefunden. Das sind schlappe 1,2%.

Noch schlechter sieht es im „Heming Lake“ (CA) aus. In einer mehrjährigen Studie wurden von 1950 bis 1962 mehr als 29.477 Hechtmägen analysiert. Und das Ergebnis war, das lediglich in 169 Hechtmägen oder nur 0,57% der Fälle, Hechtreste gefunden wurden. Ok, das ist jetzt schon ein wenig krass. Nun kann man sagen, dass bei diesen Hechten auch alle Hechtgrößen dabei waren. Und es war in Kanada, also ganz weit weg.

In Europa, das Paradis für Hechtangler überhaupt, sind die Werte natürlich schon anders. So wurden in dänischen Flüssen Kannibalismuswerte von 3,9% gemessen, während im schicken Holland die Kannibalismusquote bei satten 2,25% lag.

Was?????? Kommt Kannibalismus wirklich nur so selten vor?

Ja und nein. Fangen wir mit dem Ja an. Kannibalismus ist unter Hechten kein Selbstläufer. Jeder Hecht ist zwar ein Kannibale von Natur aus aber oft nur sehr selten bzw. Nicht immer. 

Ist genügend Beute vorhanden, besteht kein natürlicher Zwang, seine Artgenossen zu fressen. Die Natur regelt den Bestand an Hechten bzw. Von Räubern und Beute.

Bis zu 14 mal häufiger vorkommender Kannibalismus

Schauen wir uns nun an, wann Kannibalismus öfter vorkommt. Tatsächlich zeigen uns die oben genannten Zahlen den Kannibalismus nur als Durchschnittswert an.

Betrachten wir die Ergebnisse auf bestimmte Jahreszeiten bezogen, dann sieht die Sache schon ein wenig besser aus. Bei einer 12 Jahre dauernden Studie, in denen die Monate erfasst wurden, konnte ein erhöhter Kannibalismus von 7% im Oktober/ November beobachtet werden. 

7% ist der doppelte bis 14 fache Wert, wenn wir ihn mit den Durchschnittswerten der oben genannten Studien vergleichen.

Andere Studien ergaben, ähnliche Werte nach der Laichzeit, wenn weniger Beute zur Verfügung stand. Also in deutschen Breitengraden wäre das ca. von April bis Anfang Juni.

Auch wurde Kannibalismus öfter am Ufer als im Freiwasser gemessen. Da für ihre Studien, Hechte oft mit Netzen gefangen werden, ist diese Erkenntnis ein wichtiger Faktor. Die Netze werden häufig im frei zugänglichen Wasser eingesetzt, so dass die Studien Hechte, die in unmittelbarer Ufernähe ihr Revier haben, außer Acht lassen.

Man könnte also vermuten, dass Kannibalismus unter den Hechten im freien Wasser weniger häufig vorkommt. Diese dort mit Netzen gefangen Hechte, den Durchschnitt also nach unten drücken, während Hechte in Ufernähe öfter den Kannibalismus Erleben oder Ausleben. Hm … interessant.

1.000 bis 2.000 mal Kannibalismus oder auf die Größe kommt es an

Durchschnittswerte beinhalten auch kleinere Hechte. Schon ab 20 cm Körperlänge werden sie in die Studien mit aufgenommen. In der Studie des „Heming Lake“ kam der Kannibalismus nur in 0,2% der Fälle vor. Aber wenn man sich die Zahlen genauer anschaut, kommt Erstaunliches zu Tage.

Bei den Hechten mit einer Länge von round about 60cm lag die Quote dann schon bei 4,2 bis 6,6%. Also deutlich über den Durchschnittswerten. Wir erinnern uns, dass dieser Studie knapp 30.000 Hechte zu Grunde liegen. Das bedeutet, dass wir hier von 1.000 bis 2.000 Hechten sprechen, die Jagd auf andere Hechte machten. Das ist kein so schlechter Wert, oder?

Übrigens, wurden in Frankreich während einer Studie im Fluss Frome, die höchsten Kannibaliusmuswerte bei 4 jährigen Hechten gemessen. Hier verspeisten 55 Hechte 33 Artgenossen. 

Über alle Hechte dieser Studie wurde noch das Gewicht der erbeuteten Hechte in Relation zum Gewicht anderer Beutefische gemessen.

Und erstaunlicher Weise machten erbeutete Hechte bei den Kannibalen, 13% des Gesamtgewichtes aller Beutefische aus. Wirklich erstaunlich …

Fazit  Viele Studien, viele Ergebnisse. Wir haben gesehen, dass Kannibalismus nicht so häufig unter Hechten auftritt, wie uns manch einer weiß machen will oder YouTube Videos von Riesenhechten mit anderen Riesenhechten im Maul beweisen. 

Aber vorkommender Kannibalismus von 3 bis 10% ist aus unserer Sicht doch schon ganz ordentlich. In dieser Größenordnung kann ein Hechtimitat als Köder je nach Saison Sinn machen. 

Im Gegenzug haben wir aber gesehen, dass es viele Einflussfaktoren gibt, die verantwortlich dafür sind, ob Kannibalismus so gut wie gar nicht oder eben häufiger auftritt.

Wenn wir die Ergebnisse der oben genannten Studien zu Grunde legen, müsste der Max-Muster-Hecht, der auf unsere Hechtköder anspringt nah am Ufer jagen, über 60 cm groß sein. Und wenn wir ihm dann unseren Hechtköder als Hechtimitat im Frühjahr und Herbst präsentieren – Jackpot.

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